Popper, Frege und Durkheim zufolge gibt es drei Welten: Außen-, Innenwelt und Welt 3. Durch Kombination der VariabIen „Substanz“ und „Subjektabhängigkeit“ kann man zeigen, dass es vier Welten gibt, also eine mehr. Die vierte Welt ist eine subjektive und materielle Welt (Abschnitt 2).

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Wenn es eine vierte Welt gibt: Welche Eigenschaften – abgesehen von der Materialität und der Subjektabhängigkeit – besitzt diese Welt? Wie muss man sich diese Welt vorstellen? Schließlich will ich noch kurz auf die Beziehungen zwischen den Welten eingehen; wenn sich nämlich die Anzahl der Welten erhöht, so erhöht sich auch die Anzahl der möglichen Relationen zwischen diesen Welten.

Wenn man die Struktur der Welt untersuchen möchte, so wäre diese Untersuchung unvollständig, wenn man nicht die Struktur der gesamten Welt, sondern nur eines Teiles der Welt untersuchte. Denn wenn ein Teil außer Acht gelassen wird, so können alle Beziehungen der übrigen Teile zu diesem Teil nicht untersucht werden.(Abschnitt 3)

Eine systematische, d. h. eine lückenlose und überschneidungsfreie Untersuchung der möglichen Einteilungen der Welt, ist für die Philosophie, insbesondere die Ontologie und auch für die Sozialwissenschaften von Interesse. Die Ontologie als Wissenschaft muss daran interessiert sein, alle Teilwelten wenigstens zu berücksichtigen – und gegebenenfalls zu untersuchen.


2 Einteilung der Welt

März 23, 2009


Wenn man akzeptiert, dass die Welt eine „Mannigfaltigkeit“ darstellt, so ist eine Einteilung der Welt möglich. Eine Vielzahl von Einteilungsprinzipien ist denkbar, z. B. könnte man die Teile der Welt nach Größe, Farbe, Wert etc. einteilen. Im Folgenden beschränke ich mich auf zwei Einteilungsprinzipien, die sowohl im Alltag als auch in den Wissenschaften geläufig sind: eine Einteilung bezüglich der Substanz und eine Einteilung bezüglich der Subjektabhängigkeit. Wenn man diese Einteilungsprinzipien akzeptiert (und das tun die meisten), so muss man akzeptieren, dass bislang eine Teilwelt übersehen wurde.


Eine Einteilung der Welt bezüglich der Substanz setzt die Annahme voraus, dass eine solche Einteilung möglich ist. Möglich ist eine Einteilung, wenn man von der Existenz wenigstens zweier Substanzen ausgeht.


Bezüglich der Anzahl der Substanzen kann man drei Positionen unterscheiden:

Einer monistischen Position zufolge ist eine Einteilung der Welt bezüglich der Substanz nicht möglich, da dem Monismus die Annahme zugrunde liegt, dass es nur eine Substanz gibt.[1] Man kann wenigstens zwei monistische Positionen unterscheiden: den Materialismus und den Idealismus. Materialisten zufolge ist die Welt nur als materielle Welt gegeben.[2]; Idealisten zufolge ist die Welt nur als immaterielle Welt gegeben. Beispielsweise schreibt Berkeley: „There is not any other substance than spirit, or that which perceives.”(Berkeley, 1790, §30) [3]

Einer dualistischen Position zufolge ist eine Einteilung der Welt möglich, da von der Existenz zweier Substanzen ausgegangen wird, nämlich Materie und Geist. Ein Beispiel ist Descartes, der – abgesehen von der Substanz Gottes – zwei Substanzen unterscheidet: res extensa und res cogitans. Auf beide Substanzen werde ich gleich ausführlicher eingehen. Man kann noch weitere dualistische Positionen anführen, die sich unter anderem in ihren Annahmen zum Verhältnis zwischen den beiden Substanzen unterscheiden; auf diese Differenzen werde ich im Folgenden nicht weiter eingehen.[4]

Einer polyistischen Position zufolge ist eine Einteilung der Welt ebenfalls möglich, da von der Existenz mehrerer, im Extremfall unendlich vieler Substanzen ausgegangen wird. Beispielsweise bezeichnet Leibniz in seiner Monadologie die Monaden als „einfache Substanzen“ (§1), für die gilt: „Es muß aber auch ein Unterscheid sein / den eine jedwede Monade von einer andern hat.“ (§9) Leibniz zufolge gibt es also so viele einfache Substanzen, wie es Monaden gibt. Obwohl sich diese Position als Basis für eine Einteilung der Welt ebenfalls anbieten würde, werde ich im Folgenden von dieser Position nicht ausgehen, da für die Argumentation die dualistische Position als Ausgangspunkt ausreicht.


[1] Das gilt auch für den Monismus des Baruch de Spinoza, der zwar zwischen Körper und Geist unterscheidet, allerdings sind diese nicht zwei Substanzen, sondern zwei Modi einer Substanz, nämlich der Substanz Gottes. Er schreibt: « L’esprit et le corps, c’est un seul et même individu que l’on conçoit tantôt sous l’attribut de la pensée, tantôt sous celui de l’etendue. » (ders., XXI). Ähnlich später Fechners Doppelaspekt-Lehre (Vgl. ders. 1860, S. 2)

[2] Vertreter des (erkenntnistheoretischen) Materialismus sind u. a. Demokrit, sowie in der Neuzeit Diderot, Feuerbach, La Mettrie. Vgl. auch Lange, F. A., Geschichte des Materialismus, 1974

[3] Vertreter des Idealismus sind u. a. Platon, Kant und Hegel. Vgl. auch Willmann, O., Geschichte des Idealismus, Bd. I, 1973; Bd. II, 1975; Bd. III, 1979.

[4] Ein Problem, das (dualistischen) Konzeptionen gemeinsam ist, wäre, wie man sich das Verhältnis zwischen Leib und Seele vorstellen muss (Leib-Seele-Problem): „Si l’âme est le contraire du corps, il n’est guère étonnant que se pose le problème de leur union et que des difficultés insurmontables surgissent.“ (Chantal Jaquet, „Le Corps“, S. 148). Lösungsvorschläge hierzu stammen u. a. von den Occasionalisten oder Leibniz.


Gemäß der dualistischen Position kann man die Welt in eine materielle und eine immaterielle Welt unterteilen. Materielle und immaterielle Welt schließen einander aus: Die immaterielle Welt ist das, was die materielle Welt nicht ist, und umgekehrt. Welche Eigenschaften hat die materielle Welt und welche die immaterielle Welt? Da die Einteilung gemäß der Substanz für die Argumentation nicht so wichtig ist wie die Einteilung bezüglich der Subjektabhängigkeit, beschränke ich mich auf eine kurze Darstellung, wobei ich im wesentlichen Descartes Erläuterungen folge.


Die materielle Welt besteht aus Körpern, die auf einer Zeit- und drei Raumdimensionen ausgedehnt sind. Descartes definiert einen Körper folgendermaßen: „Par le corps, j’entends tout ce qui peut être terminé par quelque figure ; qui peut être compris en quelque lieu, et remplir un espace en telle sorte que tout autre corps soit exclu ; qui peut être senti ou par l’attouchement ou par la vue ou par l’ouïe ou par l’odorat ; qui peut être mu en plusieurs façons non par lui-même, mais par quelque chose d’étranger duquel il soit touché et dont il reçoive l’impression.“ (Méditations II, A. T, VII, p. 26)

Jeder Körper besitzt eine Ausdehnung in Raum und Zeit; bezüglich des Raumes geht Descartes von den drei Dimensionen der „Längen-, Breiten- und Tiefen-Ausdehnung“ aus.[1]

Umstritten ist das Verhältnis zwischen Körper und den Dimensionen: Vertreter der absolutistischen Position (u. a. Newton) gehen – im Unterschied zu Vertretern der relationistischen Position (u. a. Leibniz) – davon aus, dass die Raum- und Zeitdimensionen unabhängig von den Objekten existieren. [2] Auf all diese Fragen werde ich im Folgenden nicht eingehen.


[1] Vergleiche dagegen Berkeleys Argumente gegen die Tiefendimension in seiner “New Theory of Vision“, 2006, § 2: „It is, I think, agreed by all that distance, of itself or immediately, cannot be seen.“

[2]; vgl. Löw, M., Raumsoziologie, 2001, S. 24-35. Zur Kritik an beiden Positionen vgl. Kant, Kritik, B37-B73. Kant geht davon aus, „daß Raum über die euklidische Mathematik bestimmbar sei“ (Löw, M., Raumsoziologie, 2001, S. 30). Die Möglichkeit einer nicht-euklidischen Geometrie zeigten Gauß, Lobatschewskij und Bolyai; später Einstein; vgl. Löw, M., Raumsoziologie, 2001, S. 30.


Descartes beschreibt den menschlichen Geist als ein „denkendes Ding, das keine Ausdehnung nach Länge, Breite und Höhe und auch sonst nichts mit dem Körper gemein hat.“ (4 Med., S. 139) Dass der Geist keine räumliche Ausdehnung hat, klingt plausibel; dass der Geist „auch sonst nichts mit dem Körper gemein hat“, also auch keine Ausdehnung auf der Zeitdimension, klingt weniger plausibel, denn man kann auch bei geistigen Ereignissen Anfang und Ende und somit Dauer bestimmen. Diese Welt kann weiter unterteilt werden, Descartes unterscheidet – wie vor und nach ihm viele andere auch – Urteile, Wollungen und Affekte.[1]

Gedanke“ meint den subjektiven „Sinn eines Satzes“[2]. Beispiel: Der Satz „Es regnet.“ ist der Ausdruck des Gedankens >Es regnet<.[3]Emotion[4] meint das „subjektive Gefühlserleben“, z. B. das Gefühl von Liebe, Hass, Freude oder Trauer. „Strebung“ meint alle Bewusstseinsinhalte, „die auf das Erreichen eines Ziels … gerichtet sind.“[5]

Darüber hinaus kann man noch weitere Bewusstseinsinhalte unterscheiden, hierzu zählen alle, die den vier oben genannten Teilklassen nicht zugeordnet werden können bzw. deren Zuordnung umstritten ist: Träume, Synästhesien, Schmerzen und Vorstellungsbilder.[6] Im Folgenden werde ich diese sonstigen Bewusstseinsinhalte nicht weiter behandeln.


[1] Vgl. derselbe, S. 105.

[2] Frege, G., Gedanke, 1976, S. 33

[3] Um z. B. Haus als Wort, als Begriff und als Objekt unterscheiden zu können, verwende ich für das Wort Anführungsstriche (Das Wort „Haus“ ist 1 cm lang.), für den Begriff Pfeile (Der Begriff >Haus< ist etwas Gedachtes und hat keine Längenausdehnung), für das Objekt nichts (Dieses Haus ist 10 m lang).

[4] Vgl. Scherer, K. R./Wallbott, H. G., Emotion, 1988, S. 9.

[5] Häcker, H./Stapf, K. H., Strebungen, 1998, S. 842.

[6] Vgl. zu Synästhesien: Merleau-Ponty, M., Wahrnehmung, 1966, S. 264-269; zu Schmerzen: Handwerker, H. O., Schmerz, 2001, S. 257-271; zu Vorstellungsbildern: Kebeck, G., Wahrnehmungspsychologie, 1991, S. 77-97.


Wenn man von der Struktur „X ist von Y abhängig“ ausgeht, so muss dreierlei untersucht werden: Erstens: Was ist das Abhängige X? Zweitens: Was ist das Subjekt Y? Und drittens: Was bedeutet „abhängig sein von“? Im Folgenden werde ich diese drei Fragen kurz behandeln.


Die Frage, was das Subjekt sei, werde ich zum einen bezüglich der Substanz und zum anderen bezüglich der Aggregationsebene, auf der das Subjekt verortet werden kann, beantworten.


Eine Einteilung der Welt bezüglich der Abhängigkeit vom Subjekt setzt eine Annahme voraus, nämlich das, was Jaspers die „Subjekt-Objekt-Spaltung“ (1953, S. 24) nennt. Subjekt und Objekt stehen einander gegenüber, schließen einander aus: Etwas ist in einer Hinsicht entweder Subjekt oder Objekt. Auch wenn es gegen diese Annahme Einwände gibt, so scheint mir eine Diskussion bezüglich dieser Thematik für den weiteren Weg der Argumentation keinen Gewinn zu bringen.[1]

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Untersuchung des Subjektes, wenn man von der dualistischen Position, also der Annahme der Existenz zweier Substanzen, Materie und Geist, ausgeht? Naheliegend ist die Annahme, dass auch das Subjekt an beiden Welten teilhat, allerdings ist diese Konsequenz nicht zwingend. Denkbar ist nämlich auch, dass es zwar zwei Substanzen gibt, dass das Subjekt aber nur einer der beiden Welten angehört. Insgesamt ergeben sich drei Positionen bezüglich der Substanz des Subjekts.

1. Das Subjekt ist ausschließlich Teil der materiellen Welt.[2] Grob gesagt wäre der Körper das Subjekt. Dieses Subjekt könnte in die Welt eingreifen, es wäre ein Handlungssubjekt. Allerdings könnte dieses Subjekt weder fühlen noch denken noch wollen. Objekt wäre dann die übrige materielle Welt sowie die gesamte immaterielle Welt.

2. Das Subjekt ist ausschließlich Teil der immateriellen Welt. Der Geist wäre das Subjekt. Dieses Subjekt könnte fühlen, denken und wollen, es wäre ein Erkenntnissubjekt (und ein Wollens- und Empfindungssubjekt). Objekt wäre dann die übrige immaterielle Welt sowie die gesamte materielle Welt, auch der Leib.[3]

3. Das Subjekt ist sowohl Teil der materiellen als auch der immateriellen Welt. Geist und Körper wären das Subjekt. Dieses Subjekt wäre sowohl ein erkennendes, wollendes und empfindendes als auch ein handelndes Subjekt. Objekt wäre dann die übrige materielle und die übrige immaterielle Welt.

Im Folgenden gehe ich von einem zugleich materiellen und immateriellen Subjekt aus, da dieses eine in der Philosophie, den Sozialwissenschaften und nicht zuletzt im Alltag geläufige Position ist.


[1] Vgl. hierzu ebenfalls Jaspers, insbesondere seine Erläutungen zum Mystischen: „Wo kein Objekt mehr gegenübersteht, also jeder Inhalt fehlt, darum auch unsagbar ist und doch erlebt wird, sprechen wir im allerweitesten Sinne vom Mystischen“ (1977, S. 19)

[2] Diese Position ist nicht identisch mit der materialistischen Position, derzufolge es ausschließlich die materielle Substanz gibt, was zur Folge hat, dass auch das Subjekt nur als materielles gedacht werden kann. Analoges gilt für den folgenden Punkt, der nicht mit der idealistischen Position identisch ist.

[3] Vgl. Schopenhauer in „Die Welt als Wille und Vorstellung“: „Objekt ist aber schon sein Leib, welchen selbst wir daher, von diesem Standpunkt aus, Vorstellung nennen. Denn der Leib ist Objekt unter Objekten und den Gesetzen der Objekte unterworfen, obwohl er unmittelbares Objekt ist.“ (§2)